Die Polyvagaltheorie

Unser autonomes Nervensystem pendelt zwischen hohen und niedrigen Erregungszuständen hin- und her. Dafür bedient es sich zweier Subsysteme. Das parasympathische Nervensystem und sein größter Nerv, der Vagusnerv, steuern ruhige Regenerationsvorgänge. Das sympathische Nervensystem steht für Aktivierung. Porges beschreibt das autonome Nervensystem nicht in lediglich zwei gegliederte Äste, sondern unterscheidet in seinem parasympathischen Anteil ein in der Evolution der Wirbeltiere phylogenetisch älteres dorsales, nicht myelinisiertes von einem jüngeren, myelinisierten ventralem System:

  • der „ventrale Vaguskomplex“, das sind die viszeromotorischen Anteile der Kiemenbogennerven, die ihren Ursprung in den entsprechenden Hirnnervenkern haben: Nervus trigeminus (1. Kiemenbogen), Nervus facialis (2. Kiemenbogen), Nervus glossopharyngeus (3. Kiemenbogen) und Nervus vagus (4. bis 6 Kiemenbogen); er steht für die soziale Aktivierung, (social-engagement-system, SES);
  • das „sympathische Nervensystem“; es steht für Mobilisierung bei Gefahr;
  • der „dorsale Vaguskomplex“, das sind die Nervi splanchnici pelvici (auch Nervi splanchnici pelvici parasympathetici, parasympathische Fasern aus dem sakralen Rückenmark S2 bis S4[3]); Immobilisierung bei Lebensbedrohung.[4][5]

Das autonome Nervensystem ist nicht verhältnismäßig oder vernünftig. Es wägt seine Reaktion (siehe auch Reiz-Reaktions-Modell)

nicht lange ab, wenn es ums Überleben geht. Wenn das ANS dauerhaft aktiviert ist und der Dynamikbereich hochaktiviert bleibt, dann ist der körperliche Stress anhaltend mit allen daraus resultierenden gesundheitlichen Nachteilen. Befindet sich der Mensch zu oft in dem nur für absolute Notfälle vorgesehenen Immobilitätsmodus oder im dysregulierten Dynamikbereich, treten Fettleibigkeit, Diabetes mellitus, Herzerkrankungen sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände sowie die damit verbundenen Drogenproblematiken deutlich häufiger auf. Beeinträchtigt würden auch die höheren kognitiven Funktionen, wie das Treffen von Entscheidungen, das Lösen von Problemen sowie das Regulieren von Emotionen.

Die Theorie betont die Bedeutung des physiologischen Zustands bei psychischen Störungen und leitet Strategien ab zur Beeinflussung der Aktivierungsmuster des ANS. Der Name „Autonomes Nervensystem“ rührt von der Annahme, es gebe keine Einflussmöglichkeit. Porges begründet seine Theorie mit Beobachtungen sowohl aus der Evolutionsbiologie als auch aus der Neurologie.

Hierarchie

Drei Organisationsprinzipien sind laut Porges zu unterscheiden. Das autonome Nervensystem reagiert in drei Reaktionsmustern, die in Folge aktiviert werden. Die Funktionen folgen einer phylogenetischen Hierarchie, bei der die primitivsten Systeme nur aktiviert werden, wenn die weiter entwickelten Funktionen versagen. Der physiologische Zustand bestimmt die Bandbreite des Verhaltens und folglich die psychologische Erfahrung. Bei Säugetieren dienen die Äste des „vagalen Komplexes“ unterschiedlichen evolutionären Stressreaktionen: Der primitivere Zweig soll Immobilisierungsverhalten hervorrufen. Diese Nervenbahnen regulieren Zustände und bestimmen sowohl das emotionale wie soziale Verhalten.

Neurozeption

Porges prägte den Begriff Neurozeption. Er bezeichnet die Fähigkeit des autonome Nervensystems – automatisch und ohne bewusste Wahrnehmung – die Umgebung laufend darauf zu prüfen, ob sie sicher, bedrohlich oder lebensgefährlich ist. Je nach Einschätzung, aktiviert das ANS einen der drei Zustände, Sicherheit (der „ventrale Vaguskomplex“ ist aktiv), Kampf/Flucht (der Sympathikus ist aktiv) oder Schreckstarre (Stupor) (der „dorsale Vaguskomplex“ ist aktiv). Anders als bei der Wahrnehmung (Perzeption) ist es hier ein Erkennen ohne Gewahrsein, ausgelöst durch einen Reiz wie Gefahr.[6]

Stephe Porgues

Das autonome Nervensystem schwingt zwischen hohen und niedrigen Erregungszuständen. Dafür bedient es sich zweier Subsysteme. Das parasympathische Nervensystem und sein größter Nerv, der paarige Vagusnerv, steuern ruhige Regenerationsvorgänge. Das sympathische Nervensystem

steht für Aktivierung. Porges beschreibt das autonome Nervensystem nicht in lediglich zwei gegliederte Äste, sondern unterscheidet in seinem parasympathischen Anteil ein in der Evolution der Wirbeltiere phylogenetisch älteres dorsales, nicht myelinisiertes von einem jüngeren, myelinisierten ventralem System: